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replay: Resist! Kurzfilmwettbewerb

Wie sieht Leipziger Protestkultur in der Tradition der Spaßguerilla aus? Wie werden städtische Brachflächen mit widerständigen Nutzungen neu besetzt? Was heißt Emanzipation? Wann wird eine Bewegung zur Protestbewegung? Welche Rolle spielt das Private bei der Formulierung von Kritik? Mit diesen und anderen Fragen beschäftigten sich die Beiträge zum Kurzfilmwettbewerb »replay: Resist! Protest- und Emanzipationsbewegungen in Leipzig und anderswo«, den General Panel im Dezember 2004 ausgeschrieben hatte. Der Wettbewerb gliederte sich in zwei Phasen: Aus allen bis Ende Januar eingereichten Filmkonzepten wurden zehn Projekte für die Realisierung ausgewählt. Aus diesen zehn Kurzfilmen ermittelte die Jury die Gewinner des Wettbewerbs, die im Rahmen der öffentlichen Vorstellung am 1. Juli 2005 auf dem Augustusplatz gekürt wurden. Es standen Preisgelder in Höhe von insgesamt 3.000 Euro zur Verfügung.

Die Jury: Ralf Urban Bühler (Professor für Videokunst, HGB Leipzig), Juliane Fuchs (Leiterin backup_festival Weimar), Heinz Hermanns (Leiter Berliner Kurzfilmfestival), Susanne Schulz (freie Filmemacherin, Gewinnerin shocking local short night shuffle Leipzig 2003), Dieter Rink (Soziologe, Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle), Matthias Schmidt (Autor und Regisseur, Grimme-Preis-Träger 2004).

1. Preis

Boskopismus (Dokumentarfilm), Witja Frank (2005), Mini-DV, 12 min.

Der Film dokumentiert die Protestbewegung »Front Deutscher Äpfel«, eine 2004 in Leipzig gegründete satirische Organisation, die für die »Reinhaltung deutschen Obstes« eintritt und damit rechtsextreme Parteien wie die NPD parodiert. Zusammen mit ihrer Jugendorganisation »Nationales Frischobst Deutschland« kämpft die F.D.Ä. in der Tradition der Kommunikationsguerilla gegen alle nationalen Bedrohungen in Sachsen und Leipzig. Der Film zeigt, wie sich diese Protestbewegung ihren Erfolg erstreitet.
Kontakt: mail@witja.de Preview (MPEG-Film, 57 s, 4,9 MB): Boskopismus-Trailer

Juryurteil: Eine spannende, erfrischend gute und aktionsreiche Dokumentation zu einem politisch wichtigen Thema. Gute Kamera, tolle Protagonisten!


2. Preis

spatium grün (Dokumentarfilm), Peter Frey + Angela Köntje (2005), Mini-DV, 8:45 min.

spatium grün thematisiert eine Form alternativer Raumaneignung und eine Auseinandersetzung um scheinbar ungenutzte, städtische Zwischenräume, die sich in der Erscheinung bzw. Etablierung modellhafter Architekturen im Realraum äußert. In die stille, filmische Betrachtung dieser Architekturen, die deren ästhetische und gesellschaftliche Qualität behandelt, bricht eine sprachliche Ebene, die die Konflikte zwischen den unterschiedlichsten Akteuren im Standortkampf darstellt.
Kontakt: angela-koentje@gmx.de

Juryurteil: Überzeugend ist vor allem die sehr gut gelöste Sprachebene. Der gesprochene Text besticht durch seine Renitenz, die eine wunderbare Spannung zu den Bildern herstellt. Eine durch und durch runde Sache.


3. Preis

Danke. Ende. (Experimentalvideo), Inka Perl (2004/5), Mini-DV, 7:30 min.

Danke.Ende. folgt den Spuren eines fiktiven Alltags im privaten Raum. Durch das Nebeneinander von Real- und Puppentrickaufnahmen und die Verweigerung eines chronologischen Zeitablaufs verschwimmen die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit, Anfang und Ende, Innen- und Außenperspektiven. Überfordert vom sich beschleunigenden und immer ortloser werdenden Leben »draussen« versuchen sich die Protagonisten in Abschottung, leben ihre Sehnsucht nach authentischem Raum im Zuhause der Privatsphäre aus. Doch früher oder später wird die Realität eindringen, Autarkie scheint heute eine Illusion. Ein unwiederbringlicher Verlust an kollektiver Erinnerung, Heimat und emotionaler Sicherheit bestimmt unsere Zeit.
Kontakt: inskopia@web.de http://www.inskopia.de

Juryurteil: Der Film arbeitet mit einem gewissem »Trashfaktor« und einer Vielzahl an Ebenen. Eine gut gewählte Szenerie führt die Mischung aus Animation und Realität gekonnt zusammen.


Für die Teilnahme an Phase 2 des Wettbewerbs wurden außerdem ausgewählt:

Bewegung. (Experimentalfilm), Beatrice Sasha Kobow (2005), 16 mm, 11 min.

»Haben Sie schon einmal über Bewegungsmuster nachgedacht? An einem symbolischen Ort? Was uns bewegt ist Bewegung im Film. Diese Nachricht geht direkt in ihr Unterbewusstsein ein, ohne Anstrengung, und ohne, dass Sie darüber nachdenken müssten.« Bewegung. ist ein Film über Frauenprotest-Bewegungen. Über Synchronschwimmerinnen. Über Frauen auf dem Nikolaiplatz. Oder auch: über Anarchie.
Kontakt: beatkob@hotmail.com

Studio Portrait (fiktiver Dokumentarfilm), Nahla Küsel (2005), Mini-DV, 5 min.

Studio Portrait ist Teil des Projekts »Fiktion Palestina«. Der fiktive Dokumentarfilm beschreibt das Erlernen von Protestkultur und das Aneignen von Überzeugungen. Nahla Küsel geht der Frage nach, welche Rolle Widerstand und Protest in der Konstruktion von Identität spielen. Das Bild von Widerstand ist medial geprägt, Küsel durchsucht das World Wide Web nach Vorbildern und erfindet sich im Studio neu.
Kontakt: filmriss@web.de

Unterschiedliche Stadien der Bewegung (Experimentalfilm), Izy Kusche (2005), Super-8 & Mini-DV, 8 min.

In unterschiedlichen Sportstadien wird jeweils eine rote Fahne während eines Staffellaufs übergeben. In dieser Umgebung hat sie ihre ursprünglich politische Bedeutung verloren, die aber immer noch gesucht wird, egal wer sie trägt und warum. Dabei zeigt sich keine Geschichte des Protests, vielmehr ergeben sich Fragmente einer Laufbewegung im Kreis. Die Bewegungsform an sich ist ihr Inhalt geworden, dabei sein ist alles.
Kontakt: ritareisen@ilseserika.de

Kurze Karrieren als Demonstrantinnen und Demonstranten (Dokumentarfilm), Martin Lasinger + Janina Wegscheider (2005), Mini-DV, 17 min.

Die österreichische Nationalratswahl 1999 machte die rechte »Freiheitliche Partei Österreichs« (FPÖ, die Blauen) mit ihrem Parteichef Jörg Haider zur zweitstärksten Partei. Die drittstärkste Partei, die konservative »Österreichische Volkspartei« (ÖVP, die Schwarzen), bildeten im Februar 2000 mit den Freiheitlichen die Bundesregierung. Hunderttausende Menschen protestierten gegen die neue Regierung. Der neue Bundeskanzler Wolfgang Schüssel behauptet, dass nur die »Internetgeneration« demonstriert. Die Proteste flauen innerhalb weniger Monate stark ab. Nach der Nationalratswahl 2003 wird wieder eine schwarz-blaue Regierung angelobt. Es gibt keine nennenswerten Proteste. Die Erregung von vor fünf Jahren ist weg, die rechtskonservative Regierung ist immer noch da. Wie sehen wir unseren Protest von damals mit all seinen Emotionen heute?
Kontakt: martin.lasinger@linznet.at

PRO Test (Musikvideo), Anna-Katharina Olthoff (2005), MiniDV, 5:15 min.

Grundlage des Films PRO Test ist ein gleichnamiger Song der Berliner Band MIA. Der Text des Songs setzt sich mit dem Thema des Protestierens auseinander und stellt nicht nur Fragen zur Art und Weise des Protestierens, sondern gibt auch Denkanstösse zum Umgang mit einem Verlangen nach Protest. Ich habe MIA. längere Zeit auf ihrer Tour begleitet, mich auf Besucher verschiedener Konzerte konzentriert und deren spezielles Verhalten während des Konzerts beim Song PRO Test gefilmt. Diese Szenen stehen im Kontrast zu Aufnahmen von einzelnen Fans, außerhalb der Konzertsituation, die den Song PRO Test mit Kopfhörern hören und dazu mitsingen.
Kontakt: annako@hgb-leipzig.de

Dr. Garibaldi in Das Großhirn (surrealistischer Experimentalfilm), Constantine von Dobben-Seyn (2005), MiniDV

Ich hasse das Protestieren, ich bin ein Antiprotestant. Ich muss aber, um öffentlich zu zeigen, dass ich gegen den Protest bin, öffentlich zeigen, dass ich gegen den Protest bin. Der Protest gegen den Protest ist eine Odyssee durch die bunte Ohnmacht der Paradoxie. Ein innerer Protest, einer nicht nur ohne die Argumente des Verstandes, sondern auch gegen sie. In einem Traumraum, der nicht von unserem Verstand gespeist wird, sondern von unseren Emotionen – unseren Ängsten, Wünschen und Begierden, die sich durch eine surreale Symbolik erklären, fernab jeder Logik: Doktor Garibaldi in Das Großhirn.
Kontakt: 4bluehorses@web.de

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