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Gartendialoge
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Brief 1, September 2005
Liebe Caroline,
gestern, als ich bei dir war, sprachen wir auch über Natur und darüber, dass sie uns zunächst als sie selbst am besten gefiele, ohne Menschen – auch ohne uns und die Fesseln einer sorgenden Dauerbeziehung und blickten dabei auf die üppige Krone des Baumes vor deinem Fenster...
Die Menschen kamen ja bei jedem von uns erst später hinzu. Bei dir kamen sie als aechte Blumisten, die mal planend, mal malend, mal pflanzend und mal redend in die Landschaft traten. Meine SchreberInnen traten – wie es die Wissenschaft so will – zunächst ganz empirisch in ihre real existierenden postsozialistischen Schrebergärten. Und sind sich dabei nicht so unähnlich: trotz ihrer unterschiedlichen geistigen Eltern – der Künstlerin und der Theoretikerin – schaffen sie Landschaften als Symbol, als Utopie. Die ostdeutschen Laubenpieper gärtnern sich eine Natur gegen die Stadt, einen guten Osten gegen einen schlechten Westen, ein besseres Gestern gegen ein schlechteres Heute, eine Gemeinschaft gegen keine Gemeinschaft. Gegen oder für was gärtnern deine Blumisten? Sind sie meinen Gärtnern seelenverwandt oder hat, was beide mit Garten verbinden, nur den Namen gemein? Und, wenn sie sich eines schönen Spätsommerabends auf einer Gartenbank begegnen sollten, was würden sie einander erzählen, was einander fragen?
Gruss, Elske
 Elske und Caroline
Dieser Brief bildet den Anfang eines dia-medialen Austausches zwischen Elske Rosenfeld und Caroline Bittermann. Wir gehen dabei der Frage nach, wie wir als Theoretikerin und Künstlerin der »Natur« begegnen, wie wir uns ihr forschend, schreibend bzw. beobachtend-fragend und dann malend nähern. Und wie wir selbst aus unseren ganz unterschiedlichen Blickwinkeln utopische Potentiale entwickeln könnten, wir vielleicht sogar im Laufe des Austausch-Prozesses den Ansatz einer gemeinsamen Sprache finden könnten – die in der Aufhebung der Grenzen zur »Poetisierung« der Welt beitrüge...
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Schreberinnen
Elfriede W.
hat ihren Garten schon ewig. Hier hat sie ihre Kinder aufwachsen sehen. Die Hütte haben sie Stück für Stück gebaut. Die Türen sind aus dem Betrieb ihres Mannes, die Betonziegel hat ein Bekannter besorgt (dafür bekam er ein andern Mal von E.s Mann Ersatzteile für das Auto). Die Gartenfeste waren früher das schönste. So etwas gibt es heute gar nicht mehr. Jeder lebt nur für sich. Gestern hat ihr die Nachbarin erzählt, dass jetzt neue Leute in die 43 ziehen. Eine junge Familie. Na besser als der arbeitslose Elektroinstallateur von nebenan – jedes Wochenende lädt der seine Saufkumpane ein – das gibt ein Spektakel. Da ist Elfriede auch schon mal hingegangen und hat gesagt, sie sollen leiser machen. Sicher, man könnte sich auch beim Vorstand beschweren, aber Elfriede regelt so was lieber direkt. Am liebsten im Garten mag sie das Rosenbeet.
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Jochen K.
ist Vorstandmitglied im Verein. Macht ja sonst keiner. Da gibt es einiges zu tun. Manchmal müssen Leute ermahnt werden, wenn sie ihre Gärten zu sehr vernachlässigen. Ökogärten nennen sie die scherzhaft im Vorstand, aber mit Öko hat das meistens nichts zu tun, eher mit Faulheit. Manchmal müssen auch Leute an die Drei-Drittel-Regelung erinnert werden: ein Drittel des Gartens ist für Erholung, ein Drittel für Obst- und Gemüseanbau, ein Drittel für Zierpflanzen. Klingt pingelig, ist aber wichtig, denn wenn da einer ausschert, stellt er den Status der ganzen Anlage in Frage und damit die billigen Mieten. Überhaupt, wenn einer es nicht nötig hat Gemüse anzubauen kann er sich gleich einen Garten in einer teureren Erholungsanlage nehmen. Ansonsten sind Jochen die ganzen Paragraphen ziemlich egal. Die neuen Gesetze sind alle aus dem Westen und passen eh nicht für die Gärten hier im Osten. Am liebsten im Garten mag Jochen seine selbstgebaute Sitzecke mit dem neuen Grill.
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Andreas H.
ist erst seit kurzem Kleingärtner. Er hat gerade sein Studium der Politikwissenschaft abgeschlossen und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität. Andreas Vater ist in der Kirchengemeinde aktiv und hat ihm den Garten von einem älteren Gemeindemitglied vermittelt, der sich selber nicht mehr kümmern gern. Andreas hat den Garten hauptsächlich wegen seiner kleinen Tochter angeschafft; sie soll mitbekommen wie Dinge wachsen und dass Gemüse nicht automatisch sauber, gleichgroß und geschmacklos ist, sondern mit ein bisschen Mühe aus einem kleinen Samenkorn gedeiht. Andreas interessiert sich für ökologische Anbaumethoden, seine Frau kümmert sich um die Blumen, hält sich aber sonst aus der Gartenarbeit heraus. Mit den Nachbarn haben sie wenig Kontakt, aber die ältere Dame ein paar Grundstücke weiter schenkt der Kleinen oft Obst und manchmal Bonbons. Am liebsten am Garten mag Andreas die Blaumeisenfamilie.
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Petra F.
kommt in den Garten wenn sie mal eine Pause braucht. Zu Hause muss sie nach der Arbeit (Altersteilzeit) noch ihren kranken Mann pflegen. Eigentlich ist das alles zu viel für sie aber heutzutage darf man sich ja wirklich nicht beschweren, wenn man noch Arbeit hat. Die Kinder sind beide kurz nach der Wende arbeitslos geworden. In den Garten kommen sie trotzdem selten, das interessiert sie nicht so. Früher war manches besser, vor allem der soziale Zusammenhalt. Einiges ist aber auch heute besser: dass man nicht Gemüse an die HO abgeben muss und das man nicht nur hinter vorgehaltener Hand über die "da oben" schimpfen kann. Und die neuen Gartencenter sind toll. Die Rosen da drüben hat sie letztes Jahr gekauft, die sind sehr gut angewachsen und dieses Jahr hat sie sich neue Stühle geleistet. Die meisten kaufen die weißen Plastestühle, aber sie hat sich Campingstühle gekauft, die kann man zusammenklappen und außerdem hat die auch nicht jeder. Am liebsten am Garten mag Petra die Ruhe.
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Petra, Jochen, Elfriede und Andreas sind fiktive Charaktere, die auf Feldnotizen zu meiner Magisterarbeit 'Grow your Own... Identity! The Production of Identities at East German Allotments' (Edinburgh University 1997) aufbauen. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind daher wahrscheinlich.
Elske Rosenfeld 2005
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Der aechte Blumist
Eingebunden in die utopischen Projekte der »Dritten Kammer« sind Gärtner, die wir als virtuelle Figuren anlegen und denen wir unter anderem die Bezeichnung »Der aechte Blumist« gegeben haben. »Der aechte Blumist« ist in vier virtuelle Figuren gespalten, die die vier Zuständigkeiten in den Gartenprojekten zum Ausdruck bringen. Phantombildhaft haben wir die verschiedenen Gesichter aus Einzelteilen zusammenmontiert. Jedes Gesicht besteht also aus ganz unterschiedlichen physiognomischen Eigenschaften, die den jeweiligen gärtnerischen Funktionen zugeordnet sind. Alle Figuren sind androgyn gedacht und changieren zwischen den Geschlechtern. Dieses Pendeln zwischen den Welten ist auch Teil unserer Zusammenarbeit, die eine feste Rollenverteilung nie zulassen würde, ohne an Effektivität zu verlieren.
Der erste Blumist hat die Neigung als Architekt mit kühnem Weitblick die globale Lage zu überfliegen. In seiner megalomanen Vorstellungswelt wird der ganze Planet zu einem Garten – zu seinem Garten. Als Sprecher im System vertritt er gewissermaßen einen vermessenen Standpunkt. In seiner Meinung geht er immer etwas zu weit, überschreitet er meist die Grenzen des Möglichen, reicht sein Ansatz ins Utopische. Da er immer in Extremen spricht, müssen seine Umsetzungen dann aber in einen kleineren Maßstab gesetzt werden, um in der Wirklichkeit zu funktionieren. Seine Ideen haben dadurch ein gewisses Charisma, das nur durch diesen Hang zum Gesamtkunstwerk und das damit verbundene Risiko entstehen kann.
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Der zweite Blumist verkörpert im klassischen Sinne den avantgardistischen Künstler. Seine Neigung zur Selbstopferung für die Errettung der Welt, seine Neigung zur Selbstzerstörung ist seinen abgezehrten Gesichtszügen abzulesen. Entscheidend für seine Funktion innerhalb der »Dritten Kammer« ist seine Empfindungstiefe und seine Imaginationskraft für neue Gartenprospekte. Eher konzeptuell als sinnlich bleiben seine Entwürfe in der Vorstellung haften und nur skizzenhaft deuten sie sich in der Realität der Darstellung an. Eher eruptiv finden seine inneren Bilder ihren Weg in die Welt der Materie, vermitteln sich dann aber in hoher Konzentration und Präzision. Seine Stimmung entspricht ganz den Witte-rungsverhältnissen auf seinem Portrait: Stürmisch und regenverhangen, düster und unwirtlich. Er spricht, wenn überhaupt, in Rätseln, aber die Intensität seiner Metaphern bedeutet eine Bereicherung für das System.
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Der dritte Blumist ist der einzige, der die Pflanzen wirklich liebt. Mit Fürsorge und reicher Kenntnis versorgt er den Garten. Die viele frische Luft tut ihm offensichtlich gut. Sein Blick ist direkt auf den Betrachter gerichtet. Wenngleich sein Ausdruck auch leicht melancholisch verhangen scheint, so ist er doch der Zupackendste unter den Vieren. Seine Funktion im System der »Dritten Kammer« ist die, direkt zu handeln. Er spricht durch die Pflanzen, die unter seinen Händen gedeihen. Seine Verantwortung gilt allein der Umsetzung der Ideen der anderen. Sein Rat ist den anderen unersetzlich, aber seine planerischen Talente sind begrenzt.
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Der vierte Blumist steht mit dem Rücken vor der Gartenmauer, steht also außerhalb des eigentlichen Gartengeschehens. Er ist der Öffentlichkeit zugewandt und erfüllt seine Aufgabe als Vermittler der Gartenprojekte nach außen und als Koordinator der anderen drei Figuren nach innen. Wir ordnen ihm sowohl die Rolle des Intendanten als auch die des Kurators zu, da das Gartengeschehen einem großen Ausstellungsprojekt gleicht. Er ist der einzig effektive Rhetoriker, dessen Gabe verbal zu überzeugen an erster Stelle steht. Seine Rednergabe kann sogar manchmal ins Manipulative, Demagogische abrutschen, wenn er den Kontakt zum Publikum oder zu seinen Gärtner-Kollegen verliert. Er ist neben dem Architekten die exzentrischste Figur und gibt so durch sein persönliches Charisma dem System nach außen eine markante Kontur.
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Alle vier Blumisten arbeiten Hand in Hand. Das ganze Konstrukt könnte nicht erfolgreich sein, würde eine der Figuren fehlen. Die Gespaltenheit der Charaktere entspricht den vielschichtigen Möglichkeiten der »Dritten Kammer«. Auch in Zukunft werden wir virtuelle Gärtner entwickeln, die sich charakterlich, funktional oder optisch optimal in unsere Wunschwelten integrieren lassen. Sie sollen auch dann noch sprechen, wenn die Gärten in den sonst menschenleeren Bildern in all ihrer Schönheit stumm daliegen. Sie sollen sprechen, nicht weil wir der Kraft der Bilder nicht trauten, sondern weil sie Aufgaben haben, die außerhalb des Bildes liegen und weil wir von der Notwendigkeit überzeugt sind, dass Gärten Gärtner brauchen.«
Bittermann & Duka, Köln 1997
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Die Dritte Kammer (www.die-dritte-kammer.de)
Unter dem gemeinsamen Label »Bittermann & Duka« arbeiteten wir von 1995 bis 2004 an dem Projekt »Die Dritte Kammer«. Bildnerische Ideen nicht nur aneinanderzureihen, sondern sie in eine systemische Konfiguration zu betten, erschloss sich uns als Methode. Den Prozess der Einkreisung dieser Ideen belegten wir mit dem emblematischen Begriff »Die Dritte Kammer«. Sie ist ein virtueller Raum, in dem Gestalten und Gedanken zu Orten von vermeintlicher Realität fusionieren. Metaphorisch schritten wir die Blickachse Malerei – Garten ab und ließen sie in dem mehrdimensionalen Anschauungs-Apparat der »Dritten Kammer« zur Darstellung kommen.
Die »Aechten Blumisten« entwickelten wir im Jahr 1997 und in den darauffolgenden Jahren wurden aus den »Phantomen« reale Menschen. Wir arbeiteten nach einer Phase der rein fiktiven, malerisch umgesetzten Gartenentwürfe dann immer öfter und intensiver mit Künstlern, Gärtnern, Architekten und Kuratoren zusammen, was im Jahr 2004 dann in dem öffentlichen Park »Geheime Gärten Rolandswerth« (www.geheime-gaerten-rolandswerth.de) im Rahmen des »Skulpturenufers Remagen« des Arp Museums Rolandseck kulminierte.
In der letzten Bilderserie der »Dritten Kammer« »bildhausworthain« griffen wir – ausgehend von einer digitalen Arbeit über den »Venustempel in Wörlitz« – die Funktionen der vier Blumisten erneut auf. Diese führten wir auf rein bildnerischer Ebene zurück in nun wieder ganz fiktive Gartenentwürfe, in denen diese Funktionen zu architektonisch-skulpturalen Gebilden wurden und sie in programmatischen Kompositionen verdeutlicht wurden. Nach acht Jahren konstantem Aufbau eines komplexen Referenzsystems haben wir entschieden, »Die Dritte Kammer« als virtuellen und realen Raum zu »schließen«. Unsere Intention war es, fiktive Gärten auf Bildern solange darzustellen, bis sich eines Tages ein Auftraggeber für den Bau eines realen Gartens einfinden würde. Jetzt, da die »Geheimen Gärten Rolandswerth« fertig errichtet sind und die letzten Bilder »nach« diesem Garten entstanden sind, schließt sich der Kreis, um den es so wesentlich in »Der Dritten Kammer« gegangen war: vom Bild in den Garten und von dort zurück ins Bild zu finden.
Bittermann & Duka, Berlin 2004
Der aechte Blumist oder wie die Welt im Kopf entsteht
Die vier Blumisten bilden das Fundament, auf das sich meine weitere künstlerische Entwicklung baut. Sie stehen Pate für eine Portraitserie, die Menschen darstellt, mit denen ich entweder äußerlich oder innerlich in Dialog trete. Sie werden im Profil gezeigt, jedoch nicht mit »Haut und Haaren« dargestellt, sondern ich will Einblick in den »Kopf« des Portraitierten gewähren. Es geht mir dabei, wie auch schon in all den Jahren zuvor, um die Frage nach dem »locus amoenus«, dem »idealen Ort« und dem persönlichen Prinzip »Hoffnung« oder »Idylle« und deren Bedrohung, Zersetzung oder Verwerfung. »Verworfene Wunschwelten« haben mich immer interessiert und genauso will ich wissen, wie es andere damit halten, wie sie ihre kleinen Utopien schaffen, ihre Rückzugsorte, ihre Bühnen und Rampen und wie sie ihr Scheitern, ihr Revidieren zu neuen Orten der Hoffnung umbauen – wenn sie das können.
Caroline Bittermann, Paris, 2005
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»Die Dritte Kammer – Der aechte Blumist«, 1997, 59 x 42 cm (jeweils), Öl auf Holz |
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