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Kurzfilmprogramm 5: It’s a jungle out there – Leben in der Stadt 3. September 2005 - 20:00 Uhr, Cinémathèque Leipzig, naTo
Panel III Kurzfilmprogramm mit Gästen
Kuratiert von Luc-Carolin Ziemann
Zu Gast ist Tobias Kipp (Berlin), Regisseur von »Kalkheim« (Experimentalfilm, 2002)
Im 20. Jahrhundert wird die Stadt zum wichtigsten Lebensraum des Menschen, zu seiner »natürlichen« Umgebung. Stadtplaner träumen von effizient gestalteten« Metropolen, in denen weitgehend entvölkerte Innenstädte möglichst direkt mit den Industriezonen und Wohnsiedlungen der Vorstadt verbunden sind. Triebfeder dieser Idee war die moderne Utopie der rationalisierten Gesellschaft, der eine ganz bestimmte Vorstellung von der Beschaffenheit menschlicher Bedürfnisse zugrunde lag: oberstes Gebot war die strikte Unterscheidung zwischen Arbeit und Freizeit und die Lenkung sozialer Prozesse durch Architektur. Heute zeigt sich, dass die stadtplanerischen Ideen der Moderne oft an den tatsächlichen Bedürfnissen vorbeigingen und letztlich an ihrer rigorosen Konzentration auf die Form gescheitert sind. Demgegenüber wird die kleinbürgerliche Vorstadt als Ort stilisiert, an dem der Mensch »noch Mensch sein kann«. Das Eigenheim gilt vielen als Verwirklichung von Individualität und selbst gestalteter Idylle, obwohl sich in den Reihenhaussiedlungen ebenso formalisierte und vorgefertigte Bau- und Verhaltensweisen finden lassen. Das Programm kombiniert Filme, die sich diesen unterschiedlichen urbanen Räumen nähern und verschiedene Möglichkeiten der sozialen Aneignungen der städtischen Umgebung vorstellen.
In Kooperation mit der Cinémathèque Leipzig
Zielpunkte der Stadt (Experimentalfilm), Jörn Staeger (2004), 8,25 min.
Vacancy (Experimentalfilm), Matthias Müller (1998), 14 min.
Die Zone (Dokumentarfilm), Ben van Lieshout (1999), 18 min.
Mexico City (Spielfilm), Christiane Lilge (2000), 5 min.
Zwischen vier und sechs (Experimentalfilm), Corinna Schnitt (1998), 6 min.
Kalkheim (Experimentalfilm), Tobias Kipp (2002), 9 min.
Cinémathèque Leipzig in der naTo
Eintritt 4,50 €
Filminformationen
Zielpunkte der Stadt (Experimentalfilm) Jörn Staeger (2004) 35mm, 8,25 min.
Zielpunkte der Stadt ist eine Topographie des modernen Alltags. Ein Filmgedicht über urbane Umgebungen von Menschen. Die Stadt wird sichtbar als ein Raum, der die Menschen in ihrem sozialen Verhalten beeinflusst und maßregelt. Die experimentelle Arbeit arbeitet daran, eine Kartographie des urbanen Territoriums bzw. eine allgemein gültige Topographie der Großstadt zu entwerfen.
Vacancy (Experimentalfilm) Matthias Müller (1998) 35mm, 14 min.
Brasilia entstand als Modellstadt mitten in der Wüste und gilt als "die letzte Utopie des 20 Jahrhunderts" (Umberto Eco). Heute ist die von ihren Bewohnern verlassene Stadt als "Weltkulturerbe" konserviert und entvölkert, die wüste Mondlandschaft steht sinnbildlich für das Scheitern sozialer Utopien. Matthias Müller kombiniert Amateuraufnahmen und Spielfilmsegmente zu einem experimentell dokumentarischen Reisebericht über die Stadt und die ambitionierte aber dennoch gescheiterte architektonische Utopie aus dem Geiste der Nachkriegsjahre. Zwischen Bilder des ruinösen Scheiterns der Ideologie formaler Reinheit blendet er Filmmaterial aus der Erbauungszeit, berstend von Fortschrittsgläubigkeit, aber zugleich erschreckend in seinem rigiden Formalismus. "Vacancy" besticht durch das Vermögen, Kritik allein durch den Blick zu formulieren und an exemplarischer Stelle ein ganzes Bündel von Fragen aufzumachen.
Die Zone (Dokumentarfilm) Ben van Lieshout (1999) 35mm, 18 min.
Ein streng visueller Film, der einen nervenaufreibenden und enthüllenden Blick auf ein typisch holländisches Phänomen wirft, die abgelegenen und isolierten Plätze in den Außenbezirken, wo Prostituierte ihre Kunden bedienen. Neben Hafenanlagen, Verschiebebahnhöfen und Autobahnknotenpunkten entstehen absolut karge, rationale architektonische Umgebungen, deren einziger Zweck es ist, einen "idealen Arbeitsplatz" für die Prostitution zu schaffen.
Mexico City (Spielfilm) Christiane Lilge (2000) 16mm, 5 min.
Eine attraktive junge Frau geht allein durch die Straßen von Mexico City. Sie liebt die Unabhängigkeit mehr als die Menschen, die ihr begegnen. Die anonyme Großstadt ist für sie die ideale und einzige Lebensumgebung, in der sie ihre geliebte Unverbindlichkeit bewahren kann. "Die Menschen interessieren mich nicht. Mich interessiert das Ambiente, das Genre, die Nische. Mich interessiert das Allgemeine und das Gültige. Die
Zwischenmenschen, die langweilen mich." – Eine Zustandsbeschreibung.
Zwischen vier und sechs (Experimentalfilm) Corinna Schnitt (1998) 16mm, 6 min.
Ein satirischer Blick in deutsche Wohnzimmer, wo man pünktlich zum Essen kommen muss, weil das Essen bereits in Portionen auf den Tellern verteilt ist. Die täglichen Rituale einer idyllischen Kindheit finden sonntags eine ganz besondere Fortsetzung in dem gemeinschaftlichen Putzen von Straßenschildern: "Es ist schön, wenn es etwas gibt, was eine Familie auch verbindet, eine gemeinsame Unternehmung, und ich bin einfach froh, dass sich das bei uns von ganz allein ergeben." Corinna Schnitt ist eine genaue Beobachterin der kleinbürgerlichen, vorstädtischen Rituale des Alltags und versteht sich meisterhaft darauf, diese durch subtile Überzeichnung zu entlarven.
Kalkheim (Experimentalfilm) Tobias Kipp (2002) 35mm, 9 min.
In der spießigen und geklont wirkenden Reihenhaussiedlung "Kalkheim" wieseln überall menschenähnliche Wesen mit Milbenköpfen umher. Sie schneiden mit modernsten Gartengeräten alles Grün auf Norm zurecht, pflegen die Rasenstückchen beinahe tot, saugen noch das kleinste Staubkörnchen aus ihren blitzblanken Langeweiler-Autos. Kein Wort fällt, kein Gefühl ist in Sicht. Überall nur Ordnung, Langeweile, Leere: "Kalkheim" ist eine subtile bissige und humorige Satire auf typisch deutsche Vorgarten- und Baumarkt-Seligkeit.
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